Die Rolle des Wenker-Atlasses in der Geschichte der Dialektologie

Aus: Joachim Herrgen: Artikel 182: Dialektologie des Deutschen. - In: Sylvain Auroux [u.a.] (Hg.): Geschichte der Sprachwissenschaften. Berlin, New York: de Gruyter (Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft), S. 1513-1535. Hier: S. 1520-1525.

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Nach der Vorläuferschaft Schmellers kam es erst ab 1876 zu einer systematisch betriebenen Dialektgeographie, und zwar ausgehend von dem Forschungsansatz des Marburger Bibliothekars Georg Wenker (1852–1911). Im Gegensatz zum früher verbreiteten Forschungstopos, Georg Wenker habe durch seine sprachgeographischen Unternehmen den junggrammatischen Satz von der Ausnahmslosigkeit der Lautgesetze beweisen wollen, ist inzwischen bekannt (vgl. Veith 1970, 393ff.), daß Wenker nirgends behauptet oder den Schluß nahegelegt hat, er wolle die Ausnahmslosigkeit der Lautgesetze nachweisen. Wenkers Forschungsinteresse war anders gelagert und veränderte sich im Laufe der Arbeiten mehrfach. In einer ersten Forschungsphase ging es Wenker um das Auffinden als gegeben angenommener, klar in Erscheinung tretender Dialektgrenzen (vgl. zum folgenden Knoop et al. 1982: 46-68):

"Ich lebte noch in der schönen und beruhigenden Überzeugung, diese Charakteristika müssten ganz oder nahezu ganz einträchtiglich zusammengehn und so eine klare Dialektgrenze ergeben, der zufolge jeder Ort entweder dem einen oder dem anderen Dialektgebiete zugewiesen werden könnte" (Wenker 1886, zit. nach Wiegand & Harras 1971:12).

Mit dem Fortgang der Arbeiten stellte sich Wenker die Situation bald wesentlich komplexer dar (ebenda).

"Und je weiter die Arbeit [...] vorrückte, um so bunter ward die Verwirrung, um so verwickelter zeigte sich der Lauf der Linien in ihrer Gesamtheit. [...] Da vollzog sich die erste durchgreifende Umwandlung der alten naiven Vorstellung von Dialektgrenzen. Diese mußte aufgegeben werden gegen eine neue, und diese mußte gesucht werden."

In einer zweiten Phase verlagerte sich das Forschungsziel also hin zu einer aufgrund der unübersichtlichen Datenlage als notwendig erachteten Dialektabgrenzung durch den Forscher. Zuletzt, in einer dritten Phase, wurde auch diese Zielbestimmung der Dialektabgrenzung als zu eng angesehen. Das Ziel dialektgeographischer Arbeit wurde schließlich in der Datendokumentation gesehen, so daß der Sprachatlas als Forschungsinstrument nun einer Vielzahl im einzelnen sehr unterschiedlich gelagerten Forschungsinteressen offenstünde.

Zunächst jedenfalls, in der Gründungsphase um 1876, dominierte Wenkers Interesse um die Auffindung der als gegeben vorausgesetzten Dialektgrenzen. Der empirische Ansatz, den Wenker zur Erreichung dieses Zieles entwickelte, sollte für die deutsche Dialektologie zentrale Bedeutung erlangen. Die auf Wenkers Ansatz zurückgehende "Marburger dialektologische Schule" der erwies sich in Erhebungsmethode und Dateninterpretation als das bestimmende Forschungsparadigma der deutschen Dialektologie — bis weit in das 20. Jahrundert hinein.

Dies gilt zuallererst für das Sprachatlasunternehmen, das unter Wenkers Protagonistentum schrittweise — und gegen Widrigkeiten und Widerstände unterschiedlichster Art — sich herausbildete. 1876 arbeitete Wenker einen ersten Fragebogen aus, den er an die Lehrer der nördlichen Rheinprovinz verschickte. Der Fragebogen umfaßte 42 standardsprachlich abgefaßte Sätze, die mithilfe des gebräuchlichen Alphabets durch die Lehrer in den ortsüblichen Dialekt 'übersetzt' werden sollten. Wenkers Fragebogenaktion war erfolgreich, so daß er schon 1877 seine — den Informanten dedizierte — Schrift Das rheinische Platt (Wenker 1877) vorlegen konnte, die eine Einteilung der rheinischen Dialekte (nördlich der Mosel) enthält. In dieser Schrift darf nun die eigentliche Grundlage der Dialektologie als areallinguistische Disziplin gesehen werden. Wenker begann im gleichen Jahr, die areale Basis seiner Sprachdatenerhebung zu verbreitern, indem er noch 1877 eine zweite Fragebogenaktion startete. Inzwischen an der Universitätsbibliothek in Marburg in untergeordneter Position angestellt, versandte Wenker einen modifizierten Fragebogen — nun 38 Sätze — an die westfälischen Schulorte. Die 1876 erhobenen Daten wurden durch Wenker handschriftlich zu Sprachkarten umgezeichnet, die dann zu einem Sprach-Atlas der Rheinprovinz nördlich der Mosel sowie des Kreises Siegen zusammengestellt wurden, dem ersten deutschen Sprachatlas (1878). Hatte Wenker bis zu diesem Zeitpunkt die Sprachgeographie des Deutschen als Privatforschung betrieben so erforderte die von ihm in der Folge intendierte Verbreiterung der arealen Basis des Unternehmens — ganz Preußen sollte nun sprachgeographisch erforscht werden — nun aber institutionelle Unterstützung. Diese suchte Wenker 1878 zu erreichen, gestützt auf ein Gutachten der Marburger Universität. Die staatliche Unterstützung wurde Wenker — in sehr bescheidenem Umfange — 1879 auch gewährt, so daß mit diesem Datum der Beginn des Sprachatlasunternehmens als staatlich geförderte Institution anzusetzen ist.

Die Berliner Akademie der Wissenschaften, die vom preußischen Kultusministerium als Gutachter herangezogen worden war, hatte jedoch die Begrenzung des Sprachatlasunternehmens nur auf Preußen kritisiert und eine Ausweitung verlangt. Wenker stimmte dem zu, so daß nun — mit erneut umgearbeiteten Fragebogen (40 Sätze) — ein Sprachatlas von Nord- und Mitteldeutschland ins Auge gefaßt werden konnte. Die ungeheure Materialmengen, die zu bearbeiten waren — es lagen aus jedem Schulort ein Fragebogen vor —, stellten Wenker dann allerdings trotz der staatlichen Förderung vor kaum zu bewältigende Auswertungsprobleme, so daß von diesem Sprachatlas von Nord- und Mitteldeutschland nur eine einzige Lieferung erscheinen konnte. Daß es Wenker — wie zuvor — möglich sein sollte, praktisch als Einzelner die Materialien auszuwerten, war praktisch auszuschließen. In dieser Situation richtete die Philologenversammlung in Gießen 1885 den Antrag an das Reichkanzleramt, das Sprachatlasunternehmen, das dann allerdings erneut auszuweiten wäre zu einem "Sprachatlas des deutschen Reichs", finanziell zu unterstützen. Diese Unterstützung wurde zuletzt gewährt, jedoch verlor Wenker damit auch seine Urheberrechte an dem Projekt. Der Sprachatlas wurde nun — unter erneuter Ausdehnung auf Süddeutschland — als staatliches Projekt geführt und finanziert, die Materialien wurden zugleich Staatseigentum und Wenker wurde dazu verpflichtet, auf eigene Forschung zu verzichten und ausschließlich an der Kartenherstellung zu arbeiten. Auch eine Publikation der Sprachkarten sollte vorerst unterbleiben. In dieser Weise konnten nun die Arbeiten fortgeführt und unter Wenkers Nachfolger Ferdinand Wrede auch abgeschlossen werden.

Der so entstandene Sprachatlas des Deutschen Reichs liegt in zwei durchweg farbig gezeichneten Manuskript-Exemplaren vor. Das deutsche Sprachgebiet wird jeweils auf drei Einzelblättern im Maßstab 1:1.000.000 (Nordwest-, Nordost und Südwestblatt) projiziert. Auf insgesamt 1646 Teilkarten sind 339 sprachliche Erscheinungen kartiert. Ein bis auf den heutigen Tag zu beklagendes Ärgernis ist in der Tatsache zu sehen, daß diese umfassende, auch anschauliche Version des Sprachatlasses nie publiziert werden konnte, weil die aufwendige Farbreproduktion nicht realisierbar erschien. Hier wie an mehreren anderen Stellen wirkten sich — bei einem Pionierprojekt wie dem Sprachatlas möglicherweise unvermeidbare — unglückliche methodologische Entscheidungen aus, die wiederholt, in verschiedenen Projektphasen, ohne kritischen Blick auf später sich stellende Auswertungs- und Publikationsprobleme getroffen wurden. Ferdinand Wrede (1863–1934) konnte mit dem Deutschen Sprachatlas (DSA) lediglich eine Teilveröffentlichung (1927-1956) erreichen, die jedoch, was das dargebotene Material angeht, stark reduziert war. Es handelt sich um letztlich nur 79 kartierte Erscheinungen, teilweise allerdings in mehreren Teilkarten dargeboten. Auch auf die Mehrfarbigkeit des Originals mußte verzichtet werden, was einen enormen Verlust an Anschaulichkeit zur Folge hatte. Erst in jüngster Zeit ist eine umfangreiche Publikation gelungen, und zwar in Gestalt des Kleinen Deutschen Sprachatlasses (Veith & Putschke 1984ff.). Hier werden nun endlich die durch das Sprachatlasmaterial beschreibbaren linguistischen Phänomene in Vollständigkeit analysiert und kartographiert — allerdings bei einer beträchtlichen Ausdünnung des sehr dichten Belegnetzes, das für Wenkers Erhebung kennzeichnend war.

Die Forschungsaktivitäten des "Forschungsinstitutes für Deutsche Sprache 'Deutscher Sprachatlas' " in Marburg, das aus Wenkers Ein-Mann-Projekt entstanden ist, erschöpften sich in der Zeit nach Wenker bei weitem nicht in der Auswertung und Teilpublikation der einmal erhobenen Daten. Zum einen gelang es schrittweise, die deutschen Dialekte mittels der Marburger Erhebungsmethode in einer gewissen Vollständigkeit zu erfassen. Zunächst konnte das Sprachatlas-Material durch eine 1888 durchgeführte Befragung in Luxemburg ergänzt werden. Von 1926-1933 veranlaßte dann Wrede die Abfragung der Wenker-Sätze in der Schweiz, in Liechtenstein, in Österreich, im Burgenland und in der deutschsprachigen Tschechoslowakei. Zuletzt erreichte Wredes Nachfolger Walther Mitzka die Abfragung der Wenker-Sätze in deutschsprachigen Orten Polens und in Südtirol. Es resultierte aus diesen verschiedenen Fragebogenaussendungen im Ergebnis ein Material von 51.480 lokalen Antwortbögen, ein unschätzbarer Datenfundus, der zuletzt, unter Walter Haas als Sprachatlasdirektor, alterungsbeständig auf Microfiche erfaßt worden ist.

Zum zweiten darf man zumindest eine Ergänzung und Vervollständigung des Wenker'schen Laut- und Formenatlasses in Walther Mitzkas (1888–1976) Deutschem Wortatlas (DWA) sehen, der ab 1938 am Marburger Forschungsinstitut entstand. Mit gleicher Methode wie die Laut- und Formenlehre wurde nun hier bis 1942 der Wortschatz erhoben, und zwar gleichfalls mit den Lehrern als Laien-Exploratoren bzw. Informanten. Das Ortsnetz war auch hier extrem dicht (48.381 Orte), jedoch gelang nun, nachdem Erfahrungen der Vergangenheit bedacht werden konnten und das Institut personell ausgebaut worden war, eine Publikation innerhalb vergleichsweise kurzer Zeit (1951-1973).

Drittens wurden die Arbeiten an den Sprachatlanten in Marburg flankiert durch eine Vielzahl von im Kontext des Sprachatlasses erarbeitete Monographien, die die gesamtareal-diatopische Verfahrensweise der Großraumatlanten durch — syntopische — Ortsgrammatiken oder durch kleinraumdiatopische areale Analysen ergänzten. Es handelte sich hier um die noch durch F. Wrede gegründete Reihe "Deutsche Dialektgeographie (DDG) (vgl. Wagener 1988) sowie um die Reihen "Deutsche Wortforschung in europäischen Bezügen" (DWEB) (1958-1972), "(Gießener) Beiträge zur deutschen Philologie" (BdPh) (seit 1922), und "Marburger Beiträge zur Germanistik" (seit 1962).

Die Marburger Unternehmen haben die deutsche Dialektologie nachhaltig bestimmt. Die Grundzüge der dialektalen Gliederung des deutschen Sprachraumes sowie wesentliche Ergebnisse der Laut- und Formengeschichte des Deutschen sind aufgrund der Sprachatlasmaterialen erarbeitet worden, so daß die Relevanz der Dialektologie, speziell des Marburger Forschungsinstituts, für die — speziell historische — Sprachwissenschaft des Deutschen als nicht zu gering veranschlagt werden darf.

Noch entscheidender als im Inhaltlichen dürfte der Einfluß der Marburger Dialektologie im Methodischen gewesen sein. Der spezifische methodische Zugang der zentralen Marburger Forschungsunternehmen hat — möglicherweise auch durch die frühe "Verstaatlichung" und institutionelle Expansion des Marburger Forschungsprojektes — für die Dialektologie des Deutschen eine bestimmende Rolle erlangt. Die methodologische Typik der Marburger Schule erweist sich erstens in der Datenerhebung, zweitens aber auch in der Datenauswertung und nicht zuletzt in der Dateninterpretation.

Die Erhebungsmethode der Marburger Schule folgt zunächst dem Prinzip der hohen Belegnetzdichte: Zumindest die Großraumatlanten Marburger Prägung haben angestrebt, möglichst jeden (Schul-)Ort des Erhebungsareals als Belegort zu führen, d.h. es wurde eine maximale Erhebungsortdichte zumindest angestrebt. Des weiteren ist die Marburger Erhebungsmethode durch indirekte Datenerhebung gekennzeichnet: Die Daten wurden mittels Fragebogenaussendungen erhoben, wobei die linguistischen Fragen in der Aufforderung bestanden, standardsprachliche Sätze in den Ortsdialekt zu 'übersetzen'. Ein weiteres Erhebungsprinzip bestand darin, pro Erhebungsort nur einen Fragebogen zu ausfüllen zu lassen, der dann für den Lokaldialekt als repräsentativ angesehen wurde. Die Exploratoren, die den Fragebogen erhielten, waren die (Volksschul-)Lehrer. Man muß also im Hinblick auf die komplexen Erfordernisse einer wissenschaftlichen Sprachdatenerhebung von dem Prinzip der Laien-Exploration sprechen. Eine Informantenverifikation fand nicht statt. Es blieb den Lehrern überlassen, ob sie — wenn sie beispielsweise selbst Sprecher des zu erhebenden Dialektes waren — selbst als Informanten dienen wollten oder ob sie sich — bei einem Bewußtsein dialektaler Unsicherheit — Schülern als — möglicherweise dialektsicherer — Informanten bedienen wollten. Die Sozialdaten dieser Informanten wurden nicht festgehalten, so daß eine eine nachträgliche Einschätzung der Informantenkompetenz kaum möglich war. Die Transkription erfolgte, wie bei dem Verfahren der indirekten Datenerhebung durch Laien nicht anders möglich, durch die den Lehrern geläufige Standardorthographie, mit der sie versuchten, die dialektalen Lautungen abzubilden.

Die Datenauswertung zielte in den Marburger Großprojekten auf die Kartierung der erhobenen Sprachbelege. Hierzu wurden zunächst die Fragebogen kontrolliert, dann die Transkripte segmentiert und zuletzt kartiert. Die Kartierung erfolgte in Flächendarstellung mit dem Leitformverfahren, was sich schon aufgrund der großen Belegnetzdichte anbot; eine Originalformkartierung wäre schon aus Platzgründen unmöglich gewesen.

Die Dateninterpretation zielte zunächst, wie ausgeführt, auf das Ziel der Dialekteinteilung ab, ein Ziel, was auch erreicht werden konnte. Auch wenn in neuerer Sicht die Dialekteinteilung nach den Sprachatlasdaten ergänzungs-, z.T. revisionsbedürftig erscheint (vgl. Wiesinger 1970, 1983a), ist die Grundstruktur der Einteilung der deutschen Dialekte doch ein Hauptertrag der Sprachatlasinterpretation. Des weiteren dienten die erstellten Sprachkarten dann der sprachhistorischen Interpretation, wobei die dargestellten Sprachdaten mit außersprachlichen Daten korreliert wurden (vgl. z.B. Frings 1956, 1957).

Die Methodik der Marburger Großraumatlanten war zu keinem Zeitpunkt unumstritten. So richtete sich die scharfe Polemik, mit der Otto Bremer, ein Schüler Eduard Sievers', 1895 Wenkers dialektgeographischen Ansatz überzog, gleich gegen mehrere der angeführten methodischen Festlegungen Wenkers (vgl. Bremer 1895; Schirmunski 1962:78-84): Ein erster Haupteinwand monierte Wenkers zweifellos hochökonomisches Prinzip der Laien-Transkription, das aus junggrammatischer Perspektive, besonders aus der Perspektive der im Entstehen begriffenen wissenschaftlichen Phonetik, als völlig unangemessenes Erhebungsverfahren erscheinen mußte. Zum zweiten richtete sich schon Bremers Kritik gegen die homogenisierende Tendenz von Wenkers Erhebung, die einen Fragebogen pro Ort als repräsentativ ansetzt. Bremer bemängelte, daß hier existierende sprachliche Varianten unterdrückt wurden und, was möglicherweise noch schwerer wiegt, daß aufgrund der fehlenden Informantenkontrolle im Sprachatlas noch nicht einmal erkennbar ist, welcher sozialen Schicht erhobene Dialektvarianten jeweils zuzuordnen seien: Mäandernde Linien auf den Sprachkarten, so Bremer, bildeten eher dialektale Variationszonen ab als — wie es den Anschein haben mußte — wirkliche Dialektgrenzen. Aus heutiger Sicht läßt sich sagen, daß Bremers Kritik in wesentlichen Punkten berechtigt ist. Zum einen sind die Laien-Schreibungen nur für einen Teil der zu untersuchenden lautlichen und flexivischen Phänomene aussagekräftig: Nicht wenige Dialekterscheinungen (z.B. Vokaldauer, Akzentuierung, Konsonantenschwächung) entziehen sich dem Zugriff des Sprachatlas weitgehend. Zum anderen ist auch die Kritik an der zufallsgesteuerten Informantenauswahl und der fehlenden Fixierung der Sozialddaten der Informanten berechtigt. Allerdings hat man auch darauf hingewiesen (vgl. Goossens 1977:115), daß der Sprachatlas — zieht man die Spezifika seiner Erhebungsmethode bei einer sorgfältigen Dateninterpretation in Rechnung — durchaus zuverlässige Fakten liefert, wenn auch nur für einen begrenzten Teil der Phänomene, nämlich diejenigen, die durch Laien-Schreibungen erfaßt werden können.

Die Spezifika des Wenkerschen Sprachatlasprojekts treten nicht zuletzt im Vergleich zu dem nahezu synchron erhobenen Atlas linguistique de la France von Jules Gilliéron (1854–1926) hervor, der in mehrfacher Hinsicht eine methodologische Alternative darstellt. Gilliéron gab der direkten Datenerhebung durch nur einen Explorator, den Vorzug. Nur eine Person, der ohrenphonetisch geschulte Explorator Edmond Edmont (1849–1926), führte von 1897 bis 1901 die gesamte Erhebung durch. Hierdurch konnte eine präzise phonetische Transkription erfolgen, allerdings — dies ist eine erhebungsökonomische Konsequenz aus der direkten Aufnahmemethode — es mußte das Ortsnetz sehr viel großmaschiger ausfallen als bei Wenker (639 Orte statt 40.000). Ein Vorteil der so gewonnenen überschaubareren Datenmenge war dann wiede die Möglichkeit, die Auswertung ökonomischer durchzuführen: Gilliéron konnte den gesamten Atlas, der nicht nur die Lautlehre, sondern auch die Grammatik und den Wortschatz der französischen Dialekte zum Gegenstand hat, innerhalb von 12 Jahren nach dem Ende der Erhebung publizieren. Hierbei mag auch die leichter zu bewältigende Methode der Originalformkatierung hilfreich gewesen sein, die durch das grobmaschige Ortsnetz möglich wurde, aber auch aus Gründen der möglichst neutralen Datenpräsentation erwünscht war.

Die weitere methodologische Entwicklung, nicht nur international, sondern auch in Deutschland, ist dem französischen Modell gefolgt. Wenkers Pionierleistung hat der deutschen Dialektologie zwar unschätzbare Informationen über die deutschen Dialekte eingebracht. Der methodische Ansatz Wenkers, der der Ökonomie und Vollständigkeit der Datenerfassung den Vorrang vor der Präzision der Datenerfassung und der Ökonomie der Datenauswertung eingeräumt hat, sollte sich nicht durchsetzen.

Schon die in Marburg in der von Ludwig Erich Schmitt (1908–1994) herausgegebenen Reihe "Deutscher Sprachatlas, Regionale Sprachatlanten" (RSA) erschienenen Regionalatlanten waren bestrebt, die Vorteile der französischen und der deutschen Methode miteinander zu verbinden. Meist in direkter Erhebung wurden und werden in diesen Regionalatlanten überschaubarere Areale untersucht, so daß wegen der geringeren Gebietsgröße trotz der direkten Erhebungstechnik vertretbare Ortsnetzdichten erreicht werden können. Man darf eine Konvergenzerscheinung der zeitweise unversönlichen romanistischen und germanistischen dialektologischen Forschungsansätze darin sehen, daß auch in der Romania in entsprechender Weise ein Netz von Regionalatlanten entstanden ist, die gleichfalls versuchen, die Vorteile der zunächst als alternativ angesehenen methodischen Ansätze zu verbinden. (Vgl. zu den abgeschlossenenen und laufenden deutschen und internationalen Projekten die Übersicht bei Veith & Putschke 1989, bes. S.416-434.)

Literatur

Atlas linguistique de la France. Publié par Jules Gilliéron et Edmond Edmont. 10 Lieferungen. Paris: Champion, 1902-1920. (ALF)

Bremer, Otto. 1895. Beiträge zur Geographie der deutschen Mundarten in Form einer Kritik von Wenkers Sprachatlas des deutschen Reichs. Leipzig: Breitkopf & Härtel.

Deutscher Sprachatlas (DSA) auf Grund des Sprachatlas des deutschen Reichs. 1927-1956. von Georg Wenker, begonnen v. Ferdinand Wrede, fortgesetzt v. Walther Mitzka u. Bernhard Martin. Marburg: Elwert.

Deutscher Wortatlas (DWA). 1951-1980. Von Walther Mitzka [Bd. 5 ff. von Walther Mitzka und Ludwig Erich Schmitt, Bde. 21 u. 22 hrg. v. Reiner Hildebrandt.] Gießen: Schmitz.

Frings, Theodor. 1956. Sprache und Geschichte. 3 Bde. Halle (Saale): Niemeyer.

Frings, Theodor. 1957. Grundlegung einer Geschichte der deutschen Sprache. 3. Aufl. Halle (Saale): Niemeyer.

Goossens, Jan. 1977. Deutsche Dialektologie. Mit 13 Karten und 4 Abbildungen. Berlin & New York: De Gruyter.

Kleiner Deutscher Sprachatlas. 1984ff. Im Auftrag des Forschungsinstituts für deutsche Sprache — Deutscher Sprachatlas — Marburg & Lahn. Dialektologisch bearb. von Werner H. Veith. Computativ bearb. von Wolfgang Putschke. Tübingen: Niemeyer.

Knoop, Ulrich. et al. 1982. "Die Marburger Schule: Entstehung und frühe Entwicklung der Dialektgeographie". Besch et al. 1982.38-92.

Schirmunski, Viktor M. 1962. Deutsche Mundartkunde. Vergleichende Laut- und Formenlehre der deutschen Mundarten. Aus dem Russischen übersetzt und wissenschaftlich bearbeitet von Wolfgang Fleischer. Berlin: Akademie-Verlag.

Sprach-Atlas der Rheinprovinz nördlich der Mosel sowie des Kreises Siegen. 1878. Nach systematisch aus ca. 1500 Orten gesammelten Material zusammengestellt, entworfen und gezeichnet von Dr. Georg Wenker. Marburg.

Sprach-Atlas von Nord-und Mitteldeutschland. 1881. Auf Grund von systematisch mit Hilfe der Volksschullehrer gesammeltem Material aus circa 30 000 Orten bearbeitet, entworfen und gezeichnet von Georg Wenker. Abth. I, Lief. 1. Straßburg, London.

Veith, Werner H. 1970. "-Explikative +applikative +komputative Dialektkartographie. Ihre wissenschaftlichen Voraussetzungen und Möglichkeiten in der Phonologie auf der Grundlage der kontrastiv-transformationellen Methode und der automatischen Datenverarbeitung". Germanistische Linguistik 4.387-497.

Veith, Werner H. & Wolfgang Putschke, Hrsg. 1989. Sprachatlanten des Deutschen. Laufende Projekte. Tübingen: Niemeyer.

Wagener, Peter. 1988. Untersuchungen zur Methodologie und Methodik der Dialektologie. Marburg: Elwert.

Wenker, Georg. 1877. Das rheinische Platt. Den Lehrern des Rheinlandes gewidmet. Düsseldorf:(Selbstverlag).

Wiegand, Herbert Ernst & Gisela Harras. 1971. "Zur wissenschaftshistorischen Einordnung und linguistischen Beurteilung des Deutschen Wortatlas". Germanistische Linguistik 1-2.Wiesinger, Peter. 1970. Phonetisch-phonologische Untersuchungen zur Vokalentwicklung in den deutschen Dialekten. Bd. 1: Die Langvokale im Hochdeutschen. Bd. 2: Die Diphthonge im Hochdeutschen. Berlin: De Gruyter.

Wiesinger, Peter. 1983a. "Die Einteilung der deutschen Dialekte". Besch et al. 1983.807-900.