Zur Entwicklung und Verwendung der Fragebögen
Entwicklung und Datenerhebungsphasen
Die Erhebung der einzelnen Lokaldialekte wurde in den Jahren 1876 bis 1887 durchgeführt.
Wie aus dem an die Lehrer adressierten Anschreiben hervorgeht, bestand die Aufgabe
darin, vorformulierte hochsprachliche Sätze mit den durch das "allgemein gebräuchliche
Alphabet" zur Verfügung gestellten Mitteln in den jeweiligen Ortsdialekt zu
übertragen. Die Sätze waren so zusammengestellt, dass typische lautliche
und ausgewählte grammatische Eigenschaften der betreffenden Dialekte in der
Übersetzung hervortreten mussten. Wurde beispielsweise im Fragebogen das Wort
"Äpfelchen" vorgegeben, so war zu erwarten, dass in Gebieten, in denen sprachhistorisch
der Plosiv /p/ nicht zur Affrikate /pf/ verschoben wurde, die Schüler eine
Form mit inlautendem /p/ schreiben würden. In der Summe solcher Dialektmerkmale
sollten sich einzelne Sprachlandschaften voneinander abgrenzen lassen, so hatte
Wenker vermutet.
Die Erhebung wurde in verschiedenen Etappen mit unterschiedlichen Fragebögen
durchgeführt. Den Anfang bildete Wenkers Untersuchung in der näheren und
weiteren Umgebung seiner Heimatstadt Düsseldorf im Jahr 1876. Der Fragebogen
dieser ersten Erhebung umfasst 42 Sätze
("rheinische Sätze").
Nach dem erfolgversprechenden Beginn des Unternehmens wurde der Plan gefasst, ganz
Westfalen zu erheben, wofür unter Aufgabe spezifischer Phänomene des zuvor
relativ kleinräumigen Untersuchungsgebietes ein Bogen mit
38 Sätzen konzipiert wurde ("westfälische Sätze"). Diese Erhebung
fand 1877 statt. In einer weiteren Ausdehnung des Untersuchungsgebietes sollte nun
ganz Preußen erhoben werden. Auf Betreiben der preußischen Akademie
der Wissenschaften wurde dieser Plan allerdings aufgegeben und ganz Nord- und Mitteldeutschland
zum Erhebungsgebiet erklärt. Hierfür wurde wiederum ein Bogen mit
40 Sätzen entworfen ("Wenkersätze" im eigentlichen Sinne). Gegenüber
dem westfälischen Bogen wurden zwei Sätze hinzugefügt, die übrigen
geringfügig überarbeitet. Die Erhebung dieses Großgebietes dauerte
von 1879 bis 1880. Um die überregionale Vergleichbarkeit der Ergebnisse zu
gewährleisten, wurde dieser überarbeitete Fragebogen 1884 auch nochmals
in das bereits sieben Jahre zuvor – jedoch mit anderem Bogen – erhobene
Rheinland gesandt.
Nachdem das Sprachatlasunternehmen unter staatliche Leitung gestellt worden war,
sollte schließlich das Erhebungsgebiet um den gesamten süddeutschen Raum
erweitert werden. Für diese letzte Großerhebung blieben die Sätze
des Bogens von Nord- und Mitteldeutschland zwar unverändert, jedoch wurden
auf der Rückseite zusätzliche Stichwörter abgefragt wie z.B. Wochentage
oder einzelne Zahlwörter. Außerdem wurden die Lehrer im Anschreiben erstmals
angehalten, phonetische Besonderheiten - wie z.B. Nasalierung oder offene vs. geschlossene
/e/-Qualitäten - durch vorgegebene Schreibkonventionen zu kennzeichnen. Die
Erhebung Süddeutschlands konnte 1887 durchgeführt
werden.
Nach Abschluss der Erhebungen lagen insgesamt 44.251 Fragebögen aus 40.736
Schulorten vor. Für die Gebiete außerhalb des Deutschen Reiches wurden
eigene Nacherhebungen vorgenommen. Vorbild dieser Explorationen war der süddeutsche
Fragebogen, der gegebenenfalls um einzelne Stichwörter erweitert wurde. Die
erste Nacherhebung wurde 1888 in Luxemburg durchgeführt
(325 Bögen). Von 1926-1933 wurden erhoben: das Sudentenland (2.854 Bögen),
Österreich (3.628 Bögen), Liechtenstein (24 Bögen), das Burgenland
(28 Bögen), das Gottscheerland (35 Bögen), die Schweiz
(1.785 Bögen), Polen jenseits der alten Reichsgrenze (396 Bögen), Südtirol
(485 Bögen), die sieben und dreizehn Gemeinden der zimbrischen Mundarten in
Norditalien (20 Bögen), Nord- und Ostfriesland (67 Bögen). Zusätzlich
gingen 2.050 fremdsprachige Bögen ein (z.B. Jiddisch). Damit wurden insgesamt
51.480 Bögen aus 49.363 deutschsprachigen Orten erhoben. Darüber hinaus
liegen inzwischen Wenkerbögen aus weiteren deutschsprachigen Gebieten ausländischer
Staaten – wie z.B. Russland – vor.
Für heutige ungeübte Leser ist die
Kurrentschrift der ausgefüllten Formulare nur schwer zugänglich.
Lediglich die seltenen Bögen, die im 20. Jahrhundert erhoben wurden, sind in
Maschinenschrift oder lateinischer Schrift gehalten, aber auch hier sind nichtlateinische
Schreibschriften der Normalfall.